Die Gitarre kam trotz eisiger Temperaturen gut verpackt in Koffer, Fenderkarton und Thomann-Umkarton bei mir an.
Nach einer Weile voller Ungeduld der empfohlenen "Aufwärmung" habe ich das Paket geöffnet, und das schöne Browncase von Fender strahlte mich an. Nach Öffnen desselben lag sie nun vor mir. Die Fender American Vintage II 61 Stratocaster in Fiesta Red. Man, was sieht die gut aus. Eine Strat kann einfach nicht besser aussehen. In dieser Farbe mit Rosewood Griffbrett mit Clay-Dots und Mint-Pickguard mit aged white plastic parts symbolisiert sie für mich DIE STRAT, wie sie wohl in den Sechziger Jahren aus der Produktion kam. Damals kostete diese Gitarre 274,50 US-Dollar (mit Tremolo). Dafür bekommt man sie heute nicht mehr. Aber man bekommt eine sehr schöne und gute Gitarre, die noch einigermaßen erschwinglich ist und von den Features den alten nachempfunden ist.
Da wir gerade bei den Features sind: die Strat hat kein Push Pull oder S1 oder 2-Punkt-Vibrato. Sie hat auch keinen Rollensattel und schon gar keine aktive Schaltung. Sie ist eben "nur" eine Vintagestrat, ohne "reversed wound" Mittel-PU. Dessen ist man sich bewusst, wenn man diese Gitarre kauft, sodass man bei den Features eigentlich immer 5 Sterne vergeben kann. Denn das was sie an Features hat, ist von Kopf bis Fuß erstklassig und sie erfüllt den Anspruch einer Neuauflage von den in 1961 gefertigten zu sein. Man sollte bedenken, dass der Hals einen 7,25 Zoll Radius hat (wie damals). Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass Leute sich diese Gitarre kaufen und sich dann über die Schwächen eines solchen Radius beschweren. Es gibt doch genügend Alternativen.
Die Verarbeitung meiner Gitarre lässt allen Unkenrufen zum Trotz nichts zu wünschen übrig. Sie ist über jeden Zweifel erhaben. Die Nitro Lackierung ist tadellos aufgetragen. Da gibt es nicht den kleinsten Fehler oder die kleinste Macke. Absolut sauber und topp. Der Hals mit seinem fantastischen C-Shaping sitzt eng und straff in der Tasche, sodass nicht das dünnste Plättchen Papier dazwischen passen würde. Die Saiten laufen ausgehend von den Vintage Mechaniken über den Knochensattel kerzengerade bis zur Vintage Tremolo Bridge, ohne an irgendeiner Stelle zu knapp an den Halsränder zu sitzen. Da rutscht man beim Spielen nicht mit der Saite ab, was ich in so manchen Kommentaren gelesen habe. Es gibt weder Deadspots noch einen Fret Buzz, und zwar über das gesamte Griffbrett nicht. Und auch kein Schnarren und keine überstehenden scharfkantigen Bünde. Aber hier wieder der Hinweis auf die Vorgaben: ein Gitarrenhals mit 7,25 Radius lässt einfach keine ultraflache Saitenlage zu. Das sollte man beachten.
Der Ahornhals (sogar mit einer Anzahl "Vogelaugen") mit dem schön feinzeichnendem dunklen dicken Palisandergriffbrett lässt sich wunderbar bespielen. Die Griffbrettwölbung ist historisch korrekt und macht mir keinerlei Probleme. Das Griffbrett war auch nicht zu trocken. Da ich eh meine Lieblingssaiten aufgezogen habe, ist eine Pflege mit etwas Griffbrettöl obligatorisch. Die Halsneigung war lagerungs- und/oder witterungsbedingt etwas zu konkav. Daher musste diese durch eine leichte Rechtsdrehung des Trussrods korrigiert werden. Hierzu muss - wie wir ja alle wissen - der Hals abgeschraubt werden. Das sollte man bei neuen nitrolackierten bodys etwas vorsichtig machen, d. h. die Schrauben langsam und im Wechsel lösen und den Hals nicht mit Gewalt rausziehen, damit es keine Lackabplatzer an der Halstasche gibt. An dieser Stelle möchte ich einmal darauf aufmerksam machen, dass die Notwendigkeit die Halsneigung anzupassen keine Nachlässigkeit in dem Werkssetup darstellt. Holz arbeitet nun mal und man wird bei jeder neuen Gitarre mal mehr mal weniger Korrekturen der Halsneigung vornehmen müssen. Selbst bei meiner 20 Jahre alten Eric Johnson Strat muss ich ganz gelegentlich nochmal ran (Jahreszeitenwechsel, hoher Wechsel der Luftfeuchtigkeit).
Das Gewicht meiner Gitarre ist mit 3650 Gramm im Grenzbereich dessen, was ich akzeptiere, und noch OK. Gefühlt wirkt sie etwas leichter, was wohl dem original vintage shaping geschuldet ist.
Da Fender ein wenig leichtere Erle für den body hätte verwenden können, gibt es bei der Verarbeitung auch nur 4 Sterne.
Die Tonabnehmer der Gitarre sind vintage like mit moderatem Output und stratiger Glocke pur. So habe ich mir den Sound vorgestellt und gewünscht. Da der mittlere PU nicht reversed wound ist, kann es in allen fünf Schaltpositionen zu Nebengeräuschen kommen. Dies gilt insbesondere bei verzerrten Sounds. Dem Bridge-PU kann die Schärfe durch den unteren Tone-Poti genommen werden. Das ist zwar hier nicht historisch korrekt, genauso wie der 5-Way-Switch. Das wären anderenfalls Modifikationen, die ich mir nun ersparen kann. Die Gitarre bleibt so wie sie ist. Mit den Vintage Tunern sowie dem 6-Point-Vintage-Tremolo (floating eingestellt) bin ich absolut zufrieden. Es kommt kein Wunsch auf, an der Gitarre irgendetwas zu modifizieren. Sie ist - für das, was sie sein soll - perfekt.
Mit Fender Röhrenamp pur (wenig Reverb) klingt die Gitarre sehr sonor, glockig weich mit sehr gutem "Nöck" in den Zwischenpositionen. Die Sonne geht noch ein wenig mehr auf, sobald ein guter Kompressor und ein analoges Delay dezent vorgeschaltet wird. Dann ist man ganz nah an "Sultans of Swing".
Auch in Kombination mit einem guten Overdrive (hier ein TS-808 HW) wird wohl keiner meckern. Ein Vergleich mit einer originalen 1961er Strat war leider nicht möglich. Aber im direkten Vergleich mit einer Eric Johnson Strat, dessen Maple Neck einen 12er Radius und ein kräftiges V-Shaping hat, spielt die AV 61 auf gleichem Niveau. Vom Sound eher dunkler und etwas weicher, aber mit sehr guter Glocke. Spielgefühl ist gleich gut trotz total unterschiedlichem Hals.
Fazit: Wenn man weiß, was man will und sich den Features bewusst ist, wird man mit der Gitarre absolut zufrieden sein. Die hier in anderen Rezensionen beklage mangelhafte Verarbeitung kann ich in meinem Fall nicht bestätigen. So etwas geht aber gar nicht und sollte auch nicht hingenommen werden. Let's rock!