Darkglass ist mit seinen Produkten traditionell eher für die härtere Bassisten-Fraktion bekannt. Umso neugieriger war ich als Bassist aus der Blues-/Soul-/Pop-Ecke (mit gelegentlichen Rock-Ausflügen), ob das ANAGRAM tatsächlich ein Alleskönner für meine musikalische Welt ist.
Also: rein ins kalte Wasser, Augen zu (wegen des hohen Preises) – und bestellt.
Ganz grob zusammengefasst vereint das ANAGRAM Kompressoren, Röhrensimulationen, Vorverstärker, Verstärker, alle gängigen Effektgeräte, EQs, Filter sowie Boxensimulationen in einem einzigen Gerät.
Da man hier durchaus einige Euros investieren muss, darf – und sollte – man auch kritisch hinschauen. Bevor ich auf die vielen Stärken eingehe, zunächst zu den (vermeintlichen?) Schwächen.
Die Kritikpunkte:
Die im ANAGRAM enthaltenen Verstärkertypen unterscheiden sich klanglich weniger stark voneinander, als ich erwartet hätte. Da ich einige namhafte Vor- und Endstufen als Hardware besitze, weiß ich, wie deutlich sich echte Verstärker voneinander unterscheiden können. Das soll die Qualität der Sounds nicht schmälern – sie klingen durchweg gut. Die Bandbreite an klar unterscheidbaren Amp-Charakteren fällt jedoch geringer aus als gedacht. In Kombination mit Tube-Sims und EQs lässt sich dennoch sehr viel herausholen.
Bei den Verzerrern und Röhrensimulationen ist die Auswahl groß, dennoch vermisse ich einen wirklich warmen Röhrenverzerrer mit echtem Vintage-Feeling, etwa in Richtung eines alten Ampeg B-15. Dieser Sound lässt sich zwar annähern – z. B. mit anderen Drives und einem vorgeschalteten Low-Pass-Filter – ganz getroffen wird er aber nicht.
In der Reverb-Abteilung stehen lediglich ein Room- und ein Hall-Reverb zur Verfügung. Mir fehlt hier ein „Zwischending“, wie man es oft als Studio-Reverb kennt. Gerade für Solospiel nutze ich gern Chorus plus Reverb. Weiterhin sind Plate- und Shimmer-Reverb zwar vorhanden, die scheinen mir aber eher auf Gitarristen zugeschnitten zu sein und sind für meine Bass-Anwendungen kaum brauchbar.
Beim Vibrato-Effekt kann man zwischen Sinus und Dreieck wählen. Der Sinus klingt sehr gut, die Dreieck-Variante ist ihm jedoch zu ähnlich. Ein Rechteck-Modus (shutter-artig) mit einstellbarer Flankensteilheit wäre hier eine sinnvolle Ergänzung.
Beim Umschalten zwischen Presets ist ein leichtes Geräusch hörbar – es klingt ein wenig wie ein „Ausatmen“. Das ist nicht dramatisch, aber wahrnehmbar. Zudem dauert der Preset-Wechsel einen kurzen Moment, vermutlich weil Parameter und IRs neu geladen werden.
Die Pluspunkte:
Das ANAGRAM kommt in einem angenehm kompakten, dabei sehr stabilen Gehäuse. Die Bedienung ist intuitiv: ein großes, gut ablesbares Touch-Display in Kombination mit sechs Endlos-Drehreglern, die zusätzlich als Taster fungieren.
Ein riesiger Pluspunkt ist die großzügige Prozessorleistung. De facto gibt es keine spürbaren Leistungsgrenzen – zahlreiche Effekte lassen sich gleichzeitig nutzen. Viele andere Multieffekte stoßen hier schnell an ihre Limits (z. B. mein ebenfalls genutzter ZOOM B6).
Alle typischerweise notwendigen Effektgeräte sind qualitativ sehr hochwertig und vielfach vorhanden wie Amps, Cabs, Overdrives, Distortion, Delays, Reverbs und EQs.
Drei Octaver sind verfügbar, die im Tracking sehr schnell sind und sauber arbeiten. Leider ist der Character dieser drei nicht so sehr unterschiedlich. Und leider fehlt hier ein Octaver, der nicht nur die -1 sondern auch die +1 Octave gleichzeitig liefert. Das wäre noch wünschenswert.
Die EQ-Sektion ist herausragend: Neben verschiedenen EQ-Typen gibt es einen vollparametrischen EQ für das gesamte Gerät – mit Gain, Frequenz und Q-Faktor für sechs Frequenzbänder! Zusätzlich kann bei Bedarf jeder einzelne Sound mit einem eigenen parametrischen EQ ausgestattet werden. Endlich Studio-EQ-Möglichkeiten, wie man sie von digitalen Mischpulten kennt.
Die meisten IR-Boxensimulationen klingen sehr gut und – besonders wichtig – nicht übertrieben. Ein absolutes Highlight ist, dass sie stufenlos von 0 bis 100 % beigemischt werden können. So lässt sich der Charakter einer Box nur dezent hinzufügen, statt sich zwischen „IR an oder aus“ entscheiden zu müssen. Ein riesiger Pluspunkt!
Parallele Signalwege sind sehr einfach realisierbar. Unterschiedliche Effekte und EQs können auf verschiedene Ausgänge gelegt werden – etwa ein Signal per Klinke zum Bühnenamp und parallel ein anderes, angepasstes Signal per XLR zum FOH.
High-Pass- und Low-Pass-Filter sind als eigene Effekte verfügbar. Besonders den Low-Pass-Filter nutze ich gern, um bei bestimmten Single-Coil-Bässen die Höhen im Signalweg frühzeitig leicht zu zähmen – denn die Höhenblende an passiven Bässen ist oft eher mäßig gelungen. Neben der Frequenz lässt sich auch die Filtersteilheit (in dB) einstellen.
Und dann ist da noch das absolute Multi-Tool: ENTROPIA. Ein High-End-Compressor, kombiniert mit verschiedenen Drive-Modi, bei dem Bässe, Mitten und Höhen jeweils separat bearbeitet werden können. Die Möglichkeiten zur Klangformung sind alleine hier schier endlos. Ich habe mich mit ENTROPIA noch nicht vollständig beschäftigt – es gibt dazu sehr gute YouTube-Videos –, aber klar ist: Das alleine ist ein High-End-Werkzeug innerhalb des ANAGRAM.
Und wie es scheint, hält Darkglass sein Versprechen: mit jedem Firmware-update kommen weitere Effekt-Blöcke dazu.
Fazit:
Trotz der genannten Schwächen – die meiner persönlichen, kritischen Subjektivität geschuldet sind – ist das ANAGRAM ein geniales Gerät, das man von der Bedienung und von den Möglichkeiten und vor allem der Soundqualität her als absolut professionell einstufen muss. Daher volle Punktzahl! Dieser Alleskönner macht es mir möglich, sämtliche Effektgeräte und Vorverstärker, die sich im Laufe meines Bassistenlebens auf meinen (mehreren) Pedalboards angesammelt haben, getrost beiseitezulegen.
Die klanglichen und technischen Gestaltungsmöglichkeiten sind so vielfältig, dass man kaum etwas anderes benötigt. Hätte es das ANAGRAM schon vor vielen Jahren gegeben, hätte ich mir viel Geld für Einzelgeräte sparen können.
Es ist sein Geld mehr als wert und ich würde es jederzeit wiederkaufen.