Nach Jahrzehnten ohne 12-saitige Westerngitarre wollte ich mich mal wieder mit dem Thema beschäftigen. Zumal es so manche Stücke in meinem Repertoire gibt, die auf einer 12-Saitigen einfach besser klingen, als mit "nur" sechs Saiten. Also habe ich mich auf die Suche gemacht nach einer günstigen 12-saitigen Westerngitarre im Dreadnought-Format. Günstig deswegen, weil ich nicht wußte, ob ich mich nochmals mit 12 Saiten anfreunden könnte. Da wollte ich dann nicht gleich übermäßig viel Geld reinstecken.
Nach einiger Recherche im Thomann Online Shop fiel meine Wahl auf die Harley Benton D200CE-12NT 12-String Westerngitarre mit Cutaway für 109 Euro und die Baton Rouge L1LS/D-12 Dreadnought für 199 Euro. Kurzerhand bestellte ich beide Gitarren, um diese in Ruhe daheim zu vergleichen und eine der beiden für mich auszuwählen.
Während die Harly Benton hochglanzlackiert ist, wie man es halt kennt, kommt die Baton Rouge mit einer matten Lackierung daher, die auf der Zarge und dem Boden sogar die Poren der Maserung durchscheinen läßt. Das gefällt mir ganz gut, wobei ich mir vorstellen kann, daß das nicht jedermanns Sache sein könnte, vor allem wenn das matte Finish im Lauf der Zeit "glattgewienerte" Stellen bekommt. Die Hochglanzlackierung der Harley Benton ist gut ausgeführt, ich konnte keine Lackfehler finden. Und das bei einer so günstigen Gitarre.
Im Vergleich zur etwas klobig wirkenden Harley Benton erscheint die Baton Rouge handlicher, das Erscheinungsbild ist filigraner, was hauptsächlich mit der ungewöhnlich geschnittenen Kopfplatte zu tun hat. Dadurch ist die Baton Rouge nicht nur ein Hingucker, sondern auch nicht kopflastig, wie die Harley Benton. Und obwohl beide Gitarren einen Dreadnought Korpus besitzen, ist der Harley Benton Korpus ein klein wenig größer und paßt somit nicht in einen normalen Dreadnought Koffer hinein. Im Gegensatz zur Baton Rouge.
Beide Gitarren haben eine sehr gute Saitenlage und sind leicht zu spielen. Der Hals der Harley Benton ist etwa 2 mm breiter, als der der Baton Rouge. Das heißt, auf der Baton Rouge war das Greifen von Akkorden leichter und mit weniger Kraftaufwand verbunden. Aber das sind nur Nuancen.
Klanglich haben mir beide Gitarren gut gefallen. Jede auf ihre Art. Die Harley Benton liefert brilliante Höhen und Mitten. "Untenrum" hingegen ist das nicht der Fall. Das kann für bestimmte Genres sogar gut sein. Oder auch nicht. Ich vermute aber, daß man mit besseren Saiten ein ausgewogeneres Klangbild bekommt. Was für Saiten auf der Harley Benton drauf waren, das weiß ich nicht. Ich empfehle, beim Kauf gleich einen guten Satz passender Saiten mitzubestellen und diese aufzuziehen. Die Baton Rouge lieferte klare, aber unaufdringliche Höhen und einen wirklich gut dazu passenden Mittenbereich. Die Bässe sind hervorragend auf die Höhen und Mitten abgestimmt. Das hat bestimmt auch etwas mit den hochwertigen D'Addario EXP Saiten zu tun, die schon ab Werk aufgezogen sind. Hier merkt man halt, daß bei nur 90 Euro mehr, die die Baton Rouge gegenüber der Harley Benton kostet, mehr Spielraum für bessere Saiten ist. Und da relativiert sich dann der Preisunterschied.
Den Preisunterschied merkt man aber auch an anderen Stellen. Während die äußere Verarbeitung beider Gitarren ohne Fehl und Tadel ist, zeigt sich der Preisunterschied auch innen im Korpus: Bei der Baton Rouge setzt sich das äußere Erscheinungsbild auch innen fort. Da sieht es im Korpus der Harley Benton schon etwas grober aus. Man erkennt Leimreste und nicht ganz so sorgfältig abgerichtete Verstrebungen.
Es dauerte daher nicht lang und mein Entschluß stand fest: Die Baton Rouge machte das Rennen. Für nur 90 Euro mehr ist die Baton Rouge eine geradezu phantastische 12-saitige Westerngitarre.
Nicht falsch verstehen: Die Harley Benton ist ihr Geld absolut wert. Man muß aber gleich noch einen neuen Satz Saiten dazurechnen und dann ist der preisliche Unterschied nicht mehr allzu groß. Unabhängig davon gibt's viel 12-saitige Westerngitarre für's Geld. Da frage ich mich, wie das geht. Aber wie man sieht und hört, es geht.