Zugegeben war ich skeptisch und habe lange mit mir gehadert, eine Gitarre ungesehen und vor allem ungespielt online zu kaufen.
Die Zeiten des Musikladen um`s Eck sind ja leider vorbei, aber bei Nichtgefallen kann man sie zurückschicken, was zwar unangenehmer Aufwand ist, aber wenigstens kauft man nicht die Katze im Sack.
Als Berufsmusiker habe ich auch diverse dieser kleinen, leichten Rennpferdchen im Stall und kenne ihre Stärken und Schwächen. Warum also eine weitere SG? GAS? Nein, mir sind die alten Pferdchen für die tägliche Rennbahn einfach zu schade und im Gegensatz zu Tele`s etc. sind sie eben ziemlich fragil und zickig. Die Achillesferse ist die Kopfplatte die gerne mal abbricht und dann entweder zum Gitarren Doc oder einschläfern.
Also egal, ein Klick und zwei Tage später kommt das große Paket. Cool, schnell und natürlich bestens professionell verpackt und beim auspacken zunächst Schock.
Der Koffer sieht nicht aus wie der übliche passende Anhänger für die kleinen Pferdchen, sondern scheint zu einer dicken Hollow zu gehören. Falsche Gitarre geliefert? Nein! Das Case ist mehr als amtlich, eher ein Flightcase in schick. Verdammt gut gepolstert – so sollte es bei den Transportbehältnissen für diese Rasse eigentlich immer sein. Ich kenne diverse Geschichten von SG`s, die im Koffer umgefallen sind und das Genick war ab. Das kann mit diesem Originalkoffer nicht so leicht passieren.
Erster Eindruck – bezaubernd! Perfekt verarbeitet, von Werk ab sehr gut eingestellt und auch die wraparoundbridge ist im Rahmen ihrer – eigentlich bescheidenen – Möglichkeiten ziemlich oktavrein und zur Not liegt auch noch eine alte Schaller 458 (Tony Iommi läßt grüßen) in der Zaumzeugkiste, die auf neuen Einsatz wartet. In diesem Fall wird sie aber weiter ungenutzt rumliegen. Selbst der Sattel – aus welchem Material auch immer; Leder ist es jedenfalls nicht – ist im Rahmen der Industriellen Möglichkeiten sauber und präzise gearbeitet und muß nicht umgehend vom Gitarenbauer ersetzt werden, was ja leider oft auch bei neuen Gitarren der Fall ist.
Bereits trocken gespielt zeigt sich, daß wir es mit einem reinrassigen Rennpferd zu tun haben und beim Ausritt am Amp wird das bestätigt. Singende Höhen und richtig fette P-90, die frisch, neu und voller Tatendrang klingen. Einfach anstöpseln und losreiten – geil, das ist mir noch nicht bei vielen Gitarren passiert!
Im direkten Vergleich zu meinen SG`s aus den 60`er und 70`er Jahren ist fast zu überlegen, ob nicht doch die alten Pferdchen wieder Rennbahn anstatt auf den Gnadenhof sollen und das Fohlen im Studio bleibt, wo es sicher ist, denn hier zeigt sich ganz klar, daß alte Gitarren nicht unbedingt besser als neue sein müssen und als Vintage Freak fällt es mir nicht leicht, das zu sagen!
Und wir alle lieben Casecandy – und auch da hat Gison nicht gespart. Im schwarzen Gibson Zippbeutel ein Gitarrengurt, Putztuch und ein Werkzeug, aufgebaut wie ein Schweizer Sackmesser. Qualität weiß ich nicht, ist aber auch egal, kommt eh in die Futterbox. Laut Geburtsurkunde ist das Fohlen auch gerade mal einen Monat alt und wird bei mir ein langes, spannendes und erfülltes Leben haben!
Für Interssierte ein paar allgemeine Dinge über die SG:
Die SG (solid guitar) ist seit ihrer Einführung 1961 das einzige Modell von Gibson, das bis Heute durchgehend gebaut wurde – auch wenn zeitweise sehr obskure Teile dabei waren wie die SG Pro oder Professional...
Grundsätzlich ist eine SG eine Zicke!
Sie hat ihren eigenen Kopf und dieser ist ebenso ihre Achillesferse.
„Umfallt-Kopf ab!“
Aber auch die Halbrüche sind nichts, was ein guter Gitarrenbauer nicht wieder hinkriegt und keine meiner Gibsons hat nach einem Bruch schlechter geklungen, als vorher! Und Narben erzählen Geschichten und bringen den Mojo!
Stimmstabilität ist auch nicht gerade ihre Stärke und mit Temperaturschwankungen hat sie mehr Probleme, als meine verfrorene Freundin.
Problemlösung: Nachstimmen!
Man lernt ja aus der Beziehung, welche Saite am anfälligsten ist und es hat sich – außer dem Schlagzeuger – noch nie jemand beschwert, wenn ich auf der Bühne nachstimme! Traut euch einfach: aber bitte ohne albernes Stimmgerät, (das für Feiglinge sogar auf die Kopfplatte geklemmt werden kann), sondern mit den Ohren, denn dafür sind sie ja da.
Die P-90 brummen: Natürlich tun sie das, denn es sind P90 und der Brumm ist ein Teil vom Sound. Wer damit Probleme hat, greift am besten zu einer SG mit Humbuckern.
Kopflasigkeit: Oh ja, sehr sogar! Ich finde es eigentlich ganz cool, wenn ich die Hände am Mikro – oder sonstwo - habe und die Gitarre nach unten rutscht und mit einem Griff wieder in Position gebracht wird. Natürlich kann man den Nippel auch nach „Iommi Manier“ an die Hornspitze setzen – was meiner Meinung nach ziemlich albern aussieht – oder nach „BC Rich Manier“ auf der Rückseite des Horns montieren und um dieses „Problem“ zu beheben braucht es noch nicht einmal den Herrn Gitarrendoktor.
Wenn man sich aber an den Charakter gewöhnt hat und die Höhen und Tiefen der Beziehung erlebt, dann wird man reich belohnt mit hervorragender Haptik und den singenden Höhen und Tiefen, die eben nur eine SG bietet.